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Die Großraumdurchgasung mit Blausäure, wie wir sie heute kennen, ist jedoch recht eigentlich eine Kriegserfindung: genau vor 25 Jahren*) fanden im Jahre 1916 die ersten Versuche zur Entwesung von Großmühlen und Wehrmachtsunterkünften mit Blausäure statt, die dann in den Jahren 1917 und 1918 bereits zu größerem Einsatz dieses Verfahrens in Lazaretten, Baracken und Kaserenen und schließlich zur Entwicklung des schon im ersten Weltkriege bedeutsamen Entlausungsmaßnahmen führte. Seitdem haben die Anwendungstechnik und -verfahren erheblich geändert und verbessert. Heute ist die Zyklon-Blausäure als "das Mittel der Wahl", wie M. Kaiser**) sagt, nicht nur zur Entwanzung und Entlausung, sondern ganz allgemein zur Entwesung großer Räume in allen Erdteilen bekannt.

In vorher unvorstellbarem Umfange wurde dieses Verfahren nun in diesem Kriege zur Entwesung von Wehrmachtsunterkünften herangezogen; schon in den ersten Monaten nach Beginn des Polenfeldzuges, vor allem aber in den, den Kampfhandlungen in Frankreich folgenden, Herbst- und Wintermonaten 1940/41 mußten Millionen und Abermillionen Kubikmeter Unterkunftsraum zur Entwanzung mit Zyklon-Blausäure begast werden, um unseren Soldaten die verdiente Winterruhe zu sichern. Und in den Wochen, die wir heute erleben, steht wieder ein Einsatz der Blausäure-Durchgasung bevor, der bei dem Umfang der neubesetzten Gebiete des Ostens die bisherigen Arbeiten nach Zahl und Größe weit übersteigen wird.

Wieder fügt es sich so, daß der Hauptteil der Durchgasungsarbeiten in die Herbst- und Wintermonate fällt, wobei im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse in Rußland mit Recht die Frage auftaucht, ob nicht angesichts der zu erwartenden tiefen Temperaturen hier dem Entwesungsverfahren zuviel zugemutet wird. Bekanntlich ist die Wirkung aller Gasverfahren auf die Schädlinge und ihre Brut in höchstem Grade von der Temperatur abhängig, so daß z.B. beim T-Gas-Verfahren schon die Grenze von +15°C und beim Tritox-Verfahren +6 bis 8°C nicht unterschritten werden darf. Bei tieferen Temperaturen wird die Wirkung dieser Gase ungewiß.

Selbstverständlich ist diese Frage rechtzeitig, sowohl gelegentlich zahlreicher praktischer Durchgasungen als auch durch Laboratoriumsuntersuchungen, sehr gründlich überprüft worden. Dabei war die Fragestellung selbst insofern verschieden, als es bei den praktischen Durchgasungsarbeiten festzustellen galt, ob bei niederen Temperaturn

1. die Blausäure noch genügend rasch und vollständig aus dem porösen Trägermaterial abdunstet und nicht etwa das Gas an den kalten Raumwänden so erheblich adsorbiert wird, daß starke Gasverluste entstehen;

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*) Zeitschrift für das gesamte Getreidewesen 1941 (28) 9, S. 117: W. Rasch "25 Jahre Blausäure-Durchgasungen".
**) Wiener Klinische Wochenschrift 1939 (52) S. 45: M. Kaiser "Zweck und Ziele der gesundheitlichen Überwachung größerer Menschenmengen aus seuchenverdächtigen Gegenden (Fleckfieberabwehr mit Zyklon-Verfahren)"