Durch einen Artikel von Fritjof Meyer über die Zahl der Opfer von Auschwitz wurde eine Kontroverse ausgelöst, die beim THHP dokumentiert wird. Die Artikel und Beiträge dieser Dokumentation geben keine Stellungnahmen des THHP wieder, sondern die der jeweiligen Autoren.


Der folgende Artikel wurde erstmals veröffentlicht in:
Die Welt. 21.9.2004
© Axel Springer AG /Die WELT

Die Veröffentlichung beim THHP ist vom Verfasser autorisiert.

Autor:
Sven Felix Kellerhoff, Leitender Redakteur Zeit- und Kulturgeschichte, DIE WELT / Berliner Morgenpost


Interpretationen und Ideologie

Wieviele starben in Auschwitz? Der Streit um Fritjof Meyer dauert an

von Sven Felix Kellerhoff

Leichen zählen ist ein hässliches Geschäft, selbst für Historiker, die es vom Schreibtisch aus und über 60 Jahre hinweg betreiben. Dennoch ist es wichtig, scheint doch in der mehr oder weniger exakten Quantifizierung der Toten etwa des Vernichtungslagers Auschwitz die einzige Möglichkeit zu liegen, das unvorstellbare Grauen dieser Hölle auf Erden begreifbar zu machen. Oder, durch mancherlei Rechentricks, den millionenfachen Mord am europäischen Judentum klein zu reden, wie das die Holocaust-Leugner tun.

Im Sommer 2002 veröffentlichte der langjährige "Spiegel"-Redakteur Fritjof Meyer in der angesehenen Fachzeitschrift "Osteuropa" einen Aufsatz, in dem er die Zahl der Auschwitz-Opfer gegenüber der Schätzung der meisten seriösen Experten halbierte. Während sich Rechtsextremisten freuten, einen angesehenen linksliberalen Journalisten als "Kronzeugen" gewonnen zu haben, reagierte Frantisek Piper, der Leiter der Forschungsabteilung in der Gedenkstätte Auschwitz, mit einer ebenso detaillierten wie vernichtenden Kritik.

Auf Meyers Wunsch, dem als "gestandenem Antifaschisten" (Selbsteinschätzung) der zunehmende Beifall von rechtsextremer Seite unangenehm wurde, stellte der Online-"Informationsdienst gegen Rechtsextremismus" (www.idgr.de) Anfang 2004 die öffentliche Diskussion ein.

Zwei aktuelle Veröffentlichungen, im sich intellektuell gebenden Rechtsaußen-Magazin "Sezession" und im seriösen "Journal of Genocide Research", zeigen jedoch, dass man es sich so leicht nicht machen kann.

In "Sezession" fasst Olaf Rose Meyers Thesen zur angeblich geringeren Opferzahl in Birkenau zusammen und berichtet mit deutlicher Sympathie über den Aktionismus, mit dem zum Beispiel der ehemalige RAF-Terrorist, spätere NPD-Anwalt und erklärte Auschwitz-Leugner Horst Mahler auf die vermeintlichen "Erkenntnisse" Meyers reagiert hat. Rose bedauert ferner, dass es nicht zu einer Debatte gekommen sei. Freilich verwechselt er dabei zwei verschiedene Kritiker Meyers und stellt falsche Behauptungen auf. Exakte Lektüre gehört nicht zu den Stärken der selbst ernannten "Revisionisten".

Wichtiger ist eine Auseinandersetzung mit Meyers Thesen, die im aktuellen Heft des "Journal of Genocide Research" veröffentlicht ist. Ihr Autor John C. Zimmerman zerpflückt Meyers Behauptungen, die sich in allen wesentlichen Punkten als Irrtum oder Fehlinterpretation erweisen.

Besonders deutlich wird das am Beispiel des Massenmordes an den ungarischen Juden. Von Mai bis Juli 1944 wurden mit 147 Zügen rund 430 000 Menschen ins Vernichtungslager gebracht und größtenteils sofort vergast, ab August dann noch einmal bis zu 70 000 Juden aus dem Ghetto Lodz. Aus diesen Wochen der Massenvernichtung stammen die meisten Augenzeugenberichte über die Mordfabrik Auschwitz, die bis zu 20 000 Menschen pro Tag verschlag, und praktisch alle bekannten Fotos von den "Selektionen" an der berüchtigten "Rampe" in Birkenau.

Zimmerman kann durch eine sehr gründliche, detaillierte Aufzählung der einzelnen Deportationstransporte und der sehr unterschiedlichen Quellen zu diesem mörderischen Geschehen zeigen, dass bei seriösem Umgang mit den Fakten Schlüsse wie die von Fritjof Meyer unmöglich sind. Sie basieren ausschließlich auf ungenauer Lektüre und mangelnden Kenntnissen in den allerdings tatsächlich sehr kompliziert auszuwertenden Archivalien.

Trotzdem ist es selbstverständlich möglich, zu unterschiedlichen Opferzahlen zu kommen - irgendwelche "verordneten Angaben", wie Auschwitz-Leugner immer wieder behaupten, gibt es gerade nicht. Ein Beispiel, wie Interpretationen von Schlüsseldokumenten zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können, liefern Götz Aly und Christian Gerlach, deren Buch "Das letzte Kapitel" über den Mord an Ungarns Juden gerade als Taschenbuch noch einmal veröffentlicht worden ist (Fischer, Frankfurt/M. 483 S., 14,90 Euro). Sie kommen auf 320 000 Vergasungstote unter den ungarischen Juden und damit auf mindestens 50 000 weniger als andere Schätzungen.

Zimmerman teilt Alys und Gerlachs Interpretation nicht. Aber er unterscheidet sehr deutlich zwischen der begründeten abweichenden Angabe der beiden deutschen Historiker und den auf mangelnden Kenntnissen beruhenden, spektakulär aufgemachten Angaben bei Fritjof Meyer. Doch Zimmermans Aufsatz wird gewiss nicht annähernd eine solche Verbreitung finden wie die Meyer-These, vor allem in noch einmal verkürzter und unzulässig zugespitzter Form. Genau das ist das eigentliche Problem.


Die Kontroverse um Fritjof Meyers Artikel in "Osteuropa"